Ich sitze abends noch am PC, meine Tochter sieht, dass ich auf Facebook bin und sagt:
„Papa, ich bin besser als du.“
„Warum?“
„Ich habe mehr Freunde – und außerdem sind deine Freunde keine echten Freunde, sondern nur von der Arbeit.“
Bemisst sich der Wert eines Menschen an dem, was er hat? An der Anzahl der „Freunde“ – besser: der Kontakte auf Facebook? Statt Facebook-Freunden kann man auch anderes einsetzen, was einen Menschen wertvoll oder eben nicht wertvoll macht. Macht das Haus, die Arbeit, das Geld, das man verdient, oder die Freunde aus der „Kohlenstoffwelt“ einen wertvoll?
Was bedeuten Facebook-Freunde?
Eine zweite Szene: Meine Tochter lud ein neues Profilbild auf SchülerVZ hoch. Dies ist bereits etwas her, die VZ-Netzwerke waren noch angesagt und meine Tochter ließ mich noch über die Schulter sehen, wenn sie in sozialen Netzwerken aktiv war.
Nach dem Hochladen des Bildes postete sie die Aufforderung „Kommies bittää“. Binnen Minuten tauchten Rückmeldungen auf ihrem Bildschirm auf. Zum Glück nur positive. Entwicklungspsychologisch weiß ich, dass Teenager die Bestätigung durch ihre Peergroup brauchen, aber das Internet zeigt dies in einer Deutlichkeit, die auch brutal sein kann.
Was wäre, hätte sie kein positives Feedback bekommen? Oder gar keine Rückmeldungen? Würde sie sich dann als „Opfer“ fühlen? Wäre sie dann – zumindest in ihren eigenen Augen – nichts wert?
Jugendliche haben in sozialen Netzwerken einen Startvorteil gegenüber Erwachsenen. Wenn Erwachsene beginnen, sich in Online-Netzwerke einzufinden, braucht es deutlich mehr Zeit als bei Jugendlichen, Kontakte zu knüpfen.
Ich erhielt eine Freundschaftsanfrage von einem Kollegen, der gerade Facebook beigetreten war. Nachdem ich diese bestätigt hatte, bekam ich von Facebook diese Einblendung auf meinen Bildschirm:
„N.N. hat nur 3 Freunde – hilf ihm, Freunde zu finden.“
„Der ist ein Opfer“, schoss es mir durch den Kopf, als ich die Anzahl seiner Freunde mit der der meinen auf Facebook verglich – und einen Augenblick später erschrak ich über mich selbst, dass ich so dachte, einen Menschen aufgrund seiner Vernetzung bei Facebook zu beurteilen.
Worauf bin ich stolz, worauf darf ich stolz sein? Wer oder was gibt mir Wert? Wer gibt mir Identität? Oder um es in der Sprache von Martin Luthers Bibelübersetzung zu sagen: Wessen kann ich mich rühmen?
Römer 3,21–28 – Die Rechtfertigung allein durch Glauben
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied:
23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt,
26 die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Rechtfertigung als Geschenk
Die „Gerechtigkeit“ wird mir zugesprochen. Ich kann vor Gott so bestehen, wie ich bin, ohne dass ich mir dies eigens verdienen müsste. Paulus erklärt: „Ohne Verdienst aus Gottes Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“, kann jeder vor Gott bestehen.
Ob jemand drei, dreihundert oder dreitausend Freunde hat – die Anzahl der Freunde sichert den Wert eines Menschen nicht hinreichend ab. Für alle gilt: „Es ist hier kein Unterschied.“
Gleichzeitig gilt aber ebenso: Jeder kann vor Gott bestehen, ist bei ihm wertvoll, wird von ihm geliebt – nicht wegen der eigenen Wichtigkeit, sondern als Geschenk: allein aus Gnade, allein aus Glauben.
Ablasshandel heute
Wir lächeln heute über den Ablasshandel vergangener Zeiten. Doch die Struktur dahinter ist uns vertraut: Ich tue etwas, um besser dazustehen, mehr wert zu sein, anerkannt zu werden.
Auch heute kaufen wir keine Ablassbriefe mehr – aber wir bemühen uns um Reputation, Sichtbarkeit und Anerkennung, etwa in sozialen Netzwerken.
Beispiel Klout
Klout ist ein Online-Dienst, der den Einfluss einer Person misst – von 0 bis 100. Eine hohe Klout bedeutet: Diese Person zählt, sie beeinflusst andere.
Doch mit jeder erreichten Stufe wächst auch der Druck, sie zu halten. Leistung, Vergleich und Konkurrenz bestimmen den Wert.
Durch Leistung sich Reputation erarbeiten?
Martin Luther fasste die Theologie des Paulus in der Frage zusammen: Wie wird der Mensch gerecht vor Gott? Nicht durch Leistung. Nicht durch Reputation. Nicht durch eine Klout von 100.
Selbst mit einer Klout von Null bin ich von Gott als wertvoll geachtet – nicht wegen meiner Leistung, sondern wegen dessen, was Jesus Christus für mich getan hat.
Gott verleiht uns seine Gerechtigkeit
Jeder und jede von uns kann überlegen, worauf wir unser Leben gründen. Auf das, was wir erreicht haben? Oder auf das, was uns zugesprochen wird: dass wir von Gott geliebt sind.
Vielleicht melde ich mich auch einfach wieder bei Klout ab. Denn nicht auf meine Klout kommt es an, sondern darauf, was Gott für mich getan hat. Und er nimmt mich an, so wie ich bin.
Amen.
Quelle: https://predigten.evangelisch.de/predigt/predigt-ueber-roemer-321-28-von-ralf-peter-reimann

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