Jubilate! Jubelt! Und was, wenn mir danach nicht zu Mute ist?

Andacht am 12. Mai auf der Tagung der Öffentlichkeitsreferentinnen und -referenten der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) in Trier

Zur Einstimmung: Psalm 66 im Wechel

1 Jauchzet Gott, alle Lande!
2 Lobsinget zur Ehre seines Namens;
rühmet ihn herrlich!

3 Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.

4 Alles Land bete dich an und lobsinge dir,
lobsinge deinem Namen.

5 Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, /
sie gingen zu Fuß durch den Strom;
dort wollen wir uns seiner freuen.

7 Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, /
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben.

8 Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,

9 der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

Alle: Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Psalm 66,1-9

Liturgisch befinden wir uns in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, der österliche Sieg des Lebens wird auch auf die Natur übertragen:

„Jubilate – Jubelt!“ Wie leicht ist es, im Frühjahr in den Jubel der erwachenden Natur einzustimmen. Ihr Wiederaufblühen wird in der Osterzeit zum wunderbaren Sinnbild der Auferstehung. Schöpfung und neues Leben sind Themen des Sonntags Jubilate. Er erzählt von der guten Schöpfung am Anfang, von dem von dem schöpferischen Spiel der Weisheit vor Gott, aber auch von der Vorläufigkeit der Schöpfung. Auch Christen sind der Vergänglichkeit unterworfen. Und doch haben sie bereits eine Ahnung von neuem Leben. Denn Jesus ist auferstanden. Für den, der daran glaubt, hat der Tod seine Endgültigkeit verloren. Neu zu werden ist möglich, auch hier und heute. Wer an dieser Hoffnung festhält, dem wächst Stärke zu.

https://www.kirchenjahr-evangelisch.de/article.php#1041/viewport3

Aber was, wenn mir nicht nach Jubeln ist?

WAZ vom 2. Mai
WAZ vom 2. Mai

Kurz nachdem sie in Dnipro angekommen sind, erhält der 45-Jährige [Priester] die Nachricht, dass seine Mutter in einem Bombardement ums Leben gekommen ist. Mit 65 Jahren. Er atmet tief durch. „Das war der Moment, in dem ich daran gedacht habe, selbst zur Waffe zu greifen.“ Er hat es sich anders überlegt. „Das Wichtigste ist, was ich als Priester tun kann. Ich kann ein Beispiel für andere Menschen geben. Ich kann Soldaten helfen, die Waffe zu ergreifen.“

WAZ vom 2. Mai

Jubel-Parade am 9. Mai in Moskau aus Anlass des Sieges im Zweiten Weltkrieg, der Ukraine-Krieg geht darin auf.

Jubel-Propaganda und Fake-News liegen eng beieinander und gibt es auch auf beiden Seiten: https://theonet.de/2022/05/01/desinformation-in-social-media-in-zeiten-des-russischen-angriffs-auf-die-ukraine/

Wo / wie jubeln wir? Jubeln wir, wenn der Angreifer unterliegt? Jubeln wir innerlich, wenn ein Schiff wie die Moskau untergeht? Und Russland offensichtlich Verluste erleidet?

Aber: sind es nicht auch auf der russischen Seite Menschen, die sterben? Wehrpflichtige, die teilweise wider Willen eingezogen und für einen Angriffskrieg missbraucht werden? Eltern, die um ihre gefallenen Söhne trauern?

Welche friedensethischen Positionen können wir einnehmen? Müssen wir umdenken? Können wir einheitlich ein Zeugnis abgeben?

Während ich die Andacht vorbereite, ein Telefonat mit einem Kollegen. Er würde sich mehr Eindeutigkeit wünschen, der Markenkern der Evangelischen Kirche ist für ihn in der Friedensthematik leider sehr verschwommen.

Ich wünschte es mir auch, wenn es eindeutiger wäre. Aber es gibt keine einfachen Antworten.

Was heißt es, wenn ein Priester nicht selber die Waffe ergreifen will, aber Soldaten helfen möchte, die Waffe zu ergreifen?

Wie können Soldaten besser kämpfen? Darauf achten, dass sie für ihre Ziele weniger töten? Nicht unnötig grausam sind? Was heißt es, christlich Soldat zu sein?

Darauf gibt es – für mich – keine eindeutigen Antworten. Wir alle sind hier auf der Suche

Im Theologiestudium habe ich gelernt, zunächst den theologischen Befund zu erheben, also die Bibel durchzugehen.

Es geht nicht an, die biblischen Stellen und Belege gegeneinander auszuspielen, es zeigt nur, wie weit unsere Tradition ist.

Jubel über den Sieg gegen den Bedrücker findet sich auch in der biblischen Tradition:

Im Lied der Mirjam aus 2. Mose 15,21 lesen wir, wie Gott für den Exodus Israel und die Niederlage der Ägypter gepriesen wird.

Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“

Ich lese aber auch den Satz aus den sogenannten Seligpreisungen im Matthäus-Evangelium (Mt 5,9):
Selig sind, die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Es geht nicht an, die biblischen Stellen und Belege gegeneinander auszuspielen, es zeigt nur, wie weit unsere Tradition ist.

Können wir jubeln? Danach ist mir leider nicht zu Mute, wenn ich auf die Weltlage sehen

Es gibt – und das ist gut so – Diskussionsveranstaltungen zum Thema Frieden. Wir können viel diskutieren und nach den richtigen Positionen suchen. Das ist ein langer und wichtiger Weg. Das ist aber in einer Andacht unmöglich.

Deshalb möchte ich zum Ende dieser Andacht etwas anderes ausprobieren.

In den USA habe ich an meinem Gottesdienst der Quäker teilnehmen können. Die Quäker sind eine der historischen Friedenskirchen. Sie selber bezeichnen sich als Society of Friends. Wenn sie Andacht halten, kommen Sie als Freund:innen zusammen und schweigen. Wem Gottes Geist etwas aufträgt, kann auch etwas sagen. An dem Gottesdienst, an dem ich teilnahm, haben wir alle eine Stunde geschwiegen.

Gemeinsam schweigen und Gott erfahren, dass möchte ich mit Ihnen jetzt ausprobieren, auch und gerade in dieser Lage und Sie einladen zum Schweigen. Keine Stunde, sondern drei Minuten.


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