Politik, Geschichte, Religion: Maria, hilf uns Christen!

Anfang Januar zu Besuch in Granada. Persönliche Eindrücke, subjektive Wahrnehmungen. Während in Deutschland Weihnachten bereits vergangen ist, sind die Straßen in Granada noch voll von Weihnachtsdekorationen und Krippenaustellungen. Traditionell gibt es auch erst am 6. Januar, dem Dreikönigstag oder Reyes, die Bescherung. Mitten in die spanische Weihnachtszeit fällt am 2. Januar auch die “Toma de Granada” – und hier stellt sich auch schon das Problem der Übersetzung: Übergabe, Eroberung oder Einnahme? Je nachdem wie man das Ereignis benennt, deutet man Geschichte – und auch das Selbstverständnis des modernen Spaniens. Am 2. Januar 1492 fiel Granada an die “Katholischen Könige”, auf Spanisch Reyes Católicos, nämlich an Isabella I. von Kastilien (1451 – 1504) und an Ferdinand II. von Aragón (1452 – 1516).

Damit war das letzte muslimische Emirat auf der iberischen Halbinsel zerschlagen und die christlich-spanische “Reconquista” beendet. Das islamische Al-andalus wurde zum christlichen Andalusien, Spanien wird ein katholisches Land. Die bei der Übergabe von Granada zugesagte Toleranz wurde nicht eingehalten, bald hatten die muslimischen Bewohnerinnen und Bewohner nur die Wahl zwischen Auswanderung nach Afrika oder Bekehrung zum Christentum.

Gottesdienst am 2. Januar 2020 in der Kathedrale von Granada

Reconquista und Gegenwart

Der Abschluss der Reconquista wird jedes Jahr am 2. Januar mit einem Gottesdienst in der Kathedrale von Granada gefeiert, im Namen Marias als “Nuestra Señora Auxilio de los Cristianos” wird die Messe gefeiert. So wird Jesu Mutter zur Verteidigerin der Christenheit gegen die Muslime. Auf den Straßen Granadas Menschen in historischen Kostümen, die mit Touristen für Selfies posieren. In der Kathedrale die Honorationen der Stadt, die nach der Messe in die nebenan gelegene Grabstätte der Katholischen Könige ziehen und den christlichen Eroberern der Stadt huldigen..

Soldaten der Legión Española in Granada

Es geht aber nicht nur um Geschichte, sondern auch um eine Deutung der Gegenwart. Auf der Straße sind auch Soldaten der Legión Española in ihren traditionellen Uniformen. Die spanische Legion ist eine Elite-Einheit, die hauptsächlich in den spanischen Besitzungen in Nordafrika zum Einsatz kam. Im spanischen Bürgerkrieg kämpfte sie auf Seiten Francos. Wenn ihre Mitglieder am Gedenktag der Reconquista in Uniformen paradieren, zeigt dies die Verbindung von rechtem Denken, von Religion und Politik, dass ein christliches Spanien auch heute noch gegen Islam verteidigt werden muss.

Während ich auf Spanien blicke, fällt mir natürlich ein, dass es in Deutschland auch Verteidiger des Abendlandes gegen den Islam gibt: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, kurz Pegida. Die historische Legitimation ist anders, aber die Abgrenzung gegen den Islam dieselbe.

Ein anderes Spanien

Arabische Lampen in Souvernir-Läden

Daneben gibt es auch ein anderes Spanien. Auf ihren offiziellen Tourismus-Seiten nennt sich die Provinz Granada explizit “Granada LGBT Friendly” – und betont, dass es dabei nicht primär um eine sexuelle Orientierung gehe, sondern um Freiräume. So ist Granda eben auch eine weltoffene Stadt. Sie zieht Studierende, Touristinnen und Touristen und Migranten und Migrantinnen an. Wurden im 16. Jahrhundert Muslime zur Zwangskonversion gezwungen, gibt es heute viele Touri-Shops und Restaurants in arabischer Hand. Allerdings: zwischen der arabischen Immigration heute und der islamischen Geschichte vor der Reconquista gibt es keine Verbindung – außer dass Besucherinnen und Besucher der maurischen Sehenswürdigkeiten gerne arabische Souvernirs kaufen.

Nation und Religion

Monasterio Cartuja in Granada

Es gibt verschiedene Narrative. Eine Ausstellung im Museum der Alhambra zeigt, wie islamische Künstler wegen ihrer Ornamentik durchaus als Maler in christlichen Kirchen geschätzt wurden, umgekehrt waren christliche Künstler wegen ihrer figürlichen Darstellungen am Hof der islamischen Herrscher gut angesehen. Es gab kulturellen Austausch, neben Islam und Christentum gab es auch das Judentum.

Kulturell, politisch und ethnisch war die iberische Halbinsel zersplittert. Die (katholische) Religion wurde die einende Klammer Spaniens nach der Reconquista. Daher die Zwangskonversionen der Muslime und Juden – falls sie nicht auswanderten. Das geeinte Spanien entstand als katholische Nation – ohne Muslime, Juden und auch ohne Protestanten. Die Inquisition garantierte nicht nur den rechten Glauben, sondern vor allem auch die Einheit der Nation: Spanier sind Christen.

Dieses Selbstverständnis hinterlässt Spuren und prägt das Unterbewusstsein. Im Palacio de los Olvidados, einem innerstädtischen Palast in Granada, gibt es das kirchenkritische Museum der Inquistion. Ohne inhaltlichen Zusammenhang ist eine Etage dieses Museums auch dem Flamenco gewidmet. Eine Schautafel weist die verschiedenen ethnischen Wurzeln des Flamenco nach. Auf einer Karte der iberischen Halbinsel werden Völker aufgelistet, neben den Westgoten und Arabern gibt es die “Cristianos” – Christen ist zum Synonym für Spanier geworden.

Momentaufnahmen

Granada ist eine faszinierende Stadt, voller Geschichte und mit einer vibrienden Gegenwart. Weltoffen einerseits, andererseits eingebunden in eine Geschichte, die neben Epochen der Toleranz eben auch die Inquistion umfasst. Die hier dargestellten Eindrücke sind Momentaufnahmen einer Reise in eine geschichtsträchtige Stadt.

Soweit ich es kann, verfolge ich die Politik in Spanien. Das Land scheint mir in zwei Lager gespalten. In der Auseinandersetzung geht es auch um die Identität Spaniens. Diese kann aber nicht losgelöst von seiner Geschichte betrachtet werden.

Rassisten schüren Ängste vor einer Islamisierung Europas. Sie geben einfache Antworten und vereinfachen Geschichte. Die Wirklichkit aber ist komplexer – und Religion und Nation sind eben keine Einheit. Dies ist zumindest für mich eine Lehre aus dem Besuch in Granada.

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