Seelsorge als Videokonferenz? Wir müssen es endlich ausprobieren (nicht nur wegen Corona)

Webcam (Asim18 / CC BY-SA)
Webcam (Asim18 / CC BY-SA)

Seelsorgegespräche über Internet sind eigentlich nichts Neues. Bereits 1999 führte Matthias Jung, Pfarrer am Niederrhein, die Taufvorbereitung per E-Mail durch. Die erwachsene Taufinteressierte aus Ostdeutschland war über das Internet auf ihn aufmerksam geworden und hatte Kontakt geknüpft. Die Taufgespräche führte Matthias Jung über E-Mail, die Taufe fand dann in der Gemeinde des Pfarrers statt. Damals war es noch etwas Ungewöhnliches, die Presse berichtete über diese “Cybertaufe“.

Rund zehn Jahre später berichtet Pfarrer Ulrich Kasparick in seinem Blog, wie er in der Uckermark im ländlichen Brandenburg Taufgespräche über Skype führt.

Zwei Gründe nennt er für die Taufgespräche über Video-Messenger: In der Uckermark sind die Entfernungen zwischen den Orten groß. Außerdem:

„Viele junge Eltern, die taufen lassen wollen, wohnen hier nicht mehr, wollen aber in der ‘Kirche ihrer Kindheit’ auch ihr Kind taufen lassen. Also: skype. […]
So versuchen wir, Schritt für Schritt Lösungen zu finden, die uns helfen, die immer größer werdenden Entfernungen zwischen jungen und alten Menschen, zwischen älteren Menschen untereinander und mit der Gemeinde wieder zu verkürzen. Es ist ein spannendes Unterfangen.”

Falls einmal die Online-Verbindung abreißt oder nicht zustande kommt, gibt es als Fallback das Telefon.

„Es wird aber immer normaler werden.“ – bloggt Ulrich Kasparick 2012. Dies ist nicht in Erfüllung gegangen. Seelsorge per Video-Konferenz ist noch kein kirchlicher Alltag. Aber das muss sich ändern.

Ein Pilot-Projekt, um Erfahrung zu sammeln

Wir wissen nicht, wie oder ob Seelsorgegespräche als Videokonferenz funktionieren. In kirchlichen Gremien habe ich lange Zeit Widerstand gespürt, wenn ich diese Idee vorgetragen habe. Seelsorge geschehe in der face-to-face-Begegnung zweier Menschen, wurde mir entgegnet, denn durch mediale Vermittlung ginge das an Seelsorge Wesentliche verloren. Mit dieser Begründung hätte es auch keine Telefonseelsorge geben dürfen. Aber die Ablehnung wird geringer, die Akzeptanz wächst. Natürlich ist Telefonseelsorge anders als das face-to-face-Gespräch, auch Chatseelsorge ist anders. Und natürlich wird auch Seelsorge als Videokonferenz das seelsorgliche Gespräch verändern. Es geht aber eben nicht darum, die verschiedenen Formen der Seelsorge gegeneinander auszuspielen, einige Formen als defizitär darzustellen oder andere als besser zu legitimieren. Es gibt Situationen, wo face-to-face-Begegnungen nicht möglich sind und die Alternative ist: Videokonferenz oder keine Seelsorge. Mein Plädoyer: in solchen Fällen Seelsorge über Videokonferenz auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Und wenn Ergebnisse vorliegen, das weitere Vorgehen zu entscheiden.

Technik steht bereit

Beispielsweise steht in der rheinischen Kirche flächendeckend eine Videokonferenz-Software bereit. Jede Pfarrerin und jeder Pfarrer kann sie nutzen. Diese Software ist zwar nicht speziell für Seelsorge ausgelegt, erfüllt aber die Voraussetzungen des EKD-Datenschutzgesetzes und des EKD-Seelsorgegeheimnisgesetzes. Technisch wird eine Konferenz so eingeleitet, dass sich der Organisator bzw. die Organisatorin der Konferenz im Portal der Landeskirche anmeldet und in der Software einen Link generiert und diesen an die Gesprächspartnerin oder den Gesprächspartner versendet. Diese brauchen nicht im Portal angemeldet zu sein. Sie benötigen nur einen Webbrowser, um den Link zu öffnen, sowie Mikrofon und Lautsprecher bzw. Kopfhörer. Auf dem Handy oder dem Tablet ist es auch möglich, eine App zu nutzen.

Agil sein: Ausprobieren und nachjustieren

Das Bestreben, Seelsorge in einem geschützten Raum stattfinden zu lassen, gilt natürlich auch online, aber man darf die Bedingungen nicht so hoch hängen, dass das Pilotprojekt verhindert würde. Wie gesagt: der Vorschlag ist, Seelsorge als Videokonferenz zunächst in den Situationen auszuprobieren, in denen es sonst zu keiner seelsorglichen Begegnung käme. Außerdem: es gibt ja noch das Telefon als Fallback.

Beim Relaunch unserer Website habe ich agiles Vorgehen sehr schätzen gelernt. Also lieber schnell mit bestehender Technik im Kleinen etwas ausprobieren, Erfahrung sammeln und ggfs. nachjustieren als den ganz großen Wurf für Online-Seelsorge anzustreben. Wie ist die Akzeptanz von Seelsorge als Videokonferenz? Bei Pfarrerinnen und Pfarrern? Bei Klientinnen und Klienten? Verändert sich das Gespräch, wenn man Handy, Tablet oder PC nutzt? Welches Setting ist notwendig? Welche Medienkompetenz? Wie gestalten sich Nähe und Distanz per Video? Im Laufe eines Pilotprojektes werden sich sicherlich weitere Fragen ergeben, andererseits werden vermutlich einige vermuteten Fragen in der Praxis nicht relevant sein.

Neue Dringlichkeit

Die Idee für ein Pilotprojekt zur Online-Seelsorge als Videokonferenz habe ich im Februar auf einem Treffen der kreiskirchlichen Seelsorge-Beauftragten vorgestellt und um Beteiligung geworben. Genaue Einzelheiten für einen Piloten müssen mit Interessierten erarbeitet werden. Der Coronavirus macht nun deutlich, wie wichtig digitale Seelsorge ist, wenn face-to-face-Kontakte eingeschränkt werden müssen.

Natürlich können Pfarrerinnen und Pfarrer (zumindest im Rheinland) auch ohne Pilotprojekt das Portal der Landeskirche für Seelsorgekontakte nutzen. Die Technik steht bereit. Seelsorge ist auch möglich, wenn face-to-face-Kontakte unmöglich sind.

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