Gott kommt in Trümmern | Predigt über Jesaja 52,7–10 — Lutherkirche Speldorf am 25.12.2023

Liebe Gemeinde,

Ich lese den Predigttext1 aus dem Buch Jesaja, Kapitel 52, die Verse 7 bis 10, einen Abschnitt, der mit “Die frohe Botschaft” überschrieben ist:

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!

8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.

9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

10 Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Gerade heute am Weihnachtsfest 2023 erscheint der Gedanke an eine frohe oder Freudenbotschaft im Heiligen Land in weiter Ferne zu liegen. Seit Oktober herrscht Krieg in Israel und Gaza. Unschuldige Menschen verlieren ihr Leben, und wir werden Zeugen von Bildern des Leidens. Israelische Geiseln sind immer noch in Gefangenschaft, gestern am Heiligen Abend wurden fünf tot geborgen. Weiterhin kommt auch die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen bei Bombardements und Militäroperationen in großer Anzahl zu Tode.

Aber nicht nur in Israel und Palätsina tobt der Krieg, sondern auch schon seit fast zwei Jahren in Europa, in der Ukraine. Ein Ende auch dieses Konfliktes ist nicht abzusehen.

Hinzu kommen kleinere Konflikte, die oft nur kurz in den Nachrichten erscheinen und schnell wieder in Vergessenheit geraten, wie etwa die Vertreibung der Armenier aus Berg-Karabach, ebenfalls im Oktober, fast zeitgleich mit den Anschlägen der Hamas auf Israel.

Die globale Lage erscheint eher düster und hoffnungslos als fröhlich und hoffnungsvoll.

Seit Jahren erstellt Michael Hüter, Theologe und Zeichner, Cartoons mit Weihnachtsmotiven für die Webseite der rheinischen Kirche. Doch dieses Jahr ist anders. Seite Cartoons für das diesjährige Weihnachtsfest hatte ich Ihnen ausgelegt. Frieden und Freude scheinen fern, und Hüter bemerkt dazu:

Ich zeichne wie in jedem Jahr im Dutzend Weihnachtsmotive für alle möglichen Anlässe, aber hier und jetzt kann ich die Weltlage und insbesondere den Krieg im Nahen Osten nicht ausblenden. Dort ist aber die Bühne, auf der auch die Weihnachtsgeschichte gespielt wurde. Und auf dieser Bühne ging es damals wie heute um alles: Leben, Hoffnung, Bedrohung, Flucht.

Von daher mag das eine oder andere Bild dieser Serie verstören und irritieren oder verärgern. Blicken Sie auf die ganze Serie, Sie finden dort auch noch das gewohnte Licht und die Hoffnung und das, was wir notwendig zum Überleben und Hoffen brauchen. Aber das Sperrige ist vielleicht das, was uns weiterbringt, die Augen öffnet und dafür sorgt, dass wir im Gespräch bleiben.“

In den Cartoons, die Unfrieden und Leid darstellen, entdecke ich, je länger ich sie betrachte, trotz allem Hoffnung und Licht. Vielleicht liegt es in der Natur der Cartoons, mehrdeutig zu sein, eine zusätzliche Bedeutungsebene zu besitzen. Ein Beispiel ist der Cartoon mit einem Stern, bei dem zunächst unklar ist, ob es sich um eine Rakete handelt, die Zerstörung bringt, oder um den Stern von Bethlehem, der den Weg zur Krippe, zu Weihnachten weist. Diese Ambiguität fordert uns heraus, genauer hinzusehen und über die verschiedenen Interpretationen nachzudenken, und inmitten des Leidens und Krieges trotzdem Weihnachten zu entdecken..

Wir können Krieg und Unfrieden nicht einfach ignorieren; sie sind Teil unserer Realität. Aber gerade in diese Realität hinein spricht die Freudenbotschaft. Wie kann Frieden entstehen? Wie kann Weihnachten in dieser Welt Wirklichkeit werden?

Mit diesen Fragen im Hinterkopf vergegenwärtige ich mir die Weihnachtsgeschichte, die wir sie eingangs hörten, und denke über die Freudenbotschaft aus dem Jesaja-Buch nach, was sie für das Weihnachtsfest heute bedeuten.

Drei Gedankenschritten will ich im Folgenden nachgehen.

Als Erstes:

1. Gottes Ankunft bringt Freude

In einer Zeit, die für uns von wenig Anlass zum Jubeln geprägt ist, erinnern wir uns an das jüdische Volk zur Zeit des Propheten Jesaja. Auch ihnen war nicht nach Freude zumute. Sie lebten seit über 40 Jahren im Exil in Babylonien, fern ihrer Heimat, weit weg vom Jerusalems mit dem zertsörten Tempels – einem Symbol für den Verlust ihres Hoffnung. Die Zerstörung des Tempels galt als Zeichen dafür, dass Gott sie verlassen hatte, und ließ viele glauben, dass ihr Volk und ihre Glaube keine Zukunft mehr hätten.

Doch dann änderte sich die weltpolitische Lage. Mit dem Sturz Nebukadnezars und dem Aufstieg des Perserkönigs Kyros bot sich eine neue Chance. Kyros war bereit, die Exilierten nach Jerusalem zurückkehren zu lassen. Aber viele von ihnen waren müde, resigniert und konnten sich eine positive Zukunft kaum vorstellen.

In diese Hoffnungslosigkeit trat der Prophet mit einer Botschaft des Neuanfangs. Er wollte die erschöpften Exilierten wachrütteln: Gott kehrt zurück nach Jerusalem, er hat sein Volk nicht vergessen, er wird es trösten, aufrichten und retten! Er rief sie auf, sich zu freuen und zu jubeln. Der Freudenbote verkündete diese Nachricht leichtfüßig und schnell, und so begann eine neue Ära. Die Wächter Jerusalems, von Aufregung und Erwartung erfüllt, verbreiteten die Nachricht: Heil, Frieden und Gutes sind nah, denn Gott kehrt zurück!

Diese Botschaft des Jubels finden wir auch in der Weihnachtsgeschichte. Als das Jesuskind in Bethlehem geboren wird, können die Engel ihre Freude nicht zurückhalten. Sie verkünden den Hirten auf den Feldern „große Freude, die allem Volk widerfahren wird“, denn der Heiland ist geboren. Sie loben Gott und verkünden Heil und Frieden auf Erden, ähnlich wie der Prophet Jesaja. Auch die Hirten, die die Engelbotschaft hören und sich sogleich aufmachen, das Kind zu besuchen, werden zu Boten der Freude. Sie lassen sich von dem Kind in der Krippe, dem Licht in der Dunkelheit und einer Zukunft, an die sie nicht mehr geglaubt hatten, anstecken und berühren.

Gott kommt mit Jubel. Wo Gott eintritt, endet die Resignation, es öffnen sich neue Perspektiven, ein Neubeginn wird möglich, und es gibt Grund zum Jubeln – selbst wenn die Lage düster und aussichtslos erscheint.

Als Zweites:

2. Gott kommt in die Trümmer

Mein zweiter Gedanke dreht sich um die Vorstellung: Gott kommt in die Trümmer. Beim ersten Lesen des Textes stach mir ein unerwartetes Bild ins Auge: „Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems!“ Eine paradoxe Metapher, die sogar die Trümmer zum Mitsingen im Chor des Jubels auffordert. Dieser Jubel übersieht nicht den Schmerz, den die Trümmer verkörpern, sondern nimmt sie als Teil des Geschehens auf. Das bedeutet, dass die Trümmer nicht ignoriert oder geringgeschätzt werden, sondern anerkannt und ernst genommen werden. Der Jubel verdeckt nicht den Schmerz, sondern gibt ihm Raum.

Trümmer, oft als nutzlos betrachtet, können paradoxerweise eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau einer Stadt spielen. Diese Erfahrung war nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland besonders prägend, als es darum ging, aus den Trümmern Städte neu zu errichten. Die Zerstörungen des Krieges hatten ganze Stadtbilder in Schutt und Asche gelegt, Straßenzüge in unkenntliche Trümmerfelder verwandelt und historische Bauten in Ruinen hinterlassen. Doch in diesem scheinbaren Chaos von zerbrochenem Stein und verstreutem Schutt lag der Keim für einen neuen Anfang.

Wenn Trümmersteine für den Wiederaufbau verwendet und in neue Häuser integriert werden, entsteht eine symbolträchtige Verbindung zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Jeder dieser Steine, einst Teil eines Hauses oder einer öffentlichen Einrichtung, trägt Geschichten und Erinnerungen in sich. Durch ihre Wiederverwendung im Neubau werden sie zu einem Fundament des neuen Gebäudes.

Dieser Wiederaufbau mit Trümmersteinen bedeutet, dass das Alte, das Zerbrochene, nicht verloren ist, sondern im Neuen aufgefangen und bewahrt wird. Die so entstehenden Gebäude werden zu lebendigen Denkmälern, die die Narben der Vergangenheit zeigen und zugleich von Erneuerung zeugen. Sie erinnern uns daran, die Vergangenheit, so dunkel und schmerzhaft sie auch sein mag, nicht zu vergessen.

Gott übergeht die Trümmerfelder unseres Lebens nicht. Ähnlich wie bei den Trümmern in Jerusalem oder bei den zerstörten Städten nach dem Zweiten Weltkrieg, wo aus Trümmern neue Gebäude entstanden, wartet Gott, um aus den Trümmern unseres Daseins etwas Neues entstehen. In den Fehlern, den Schmerzen, den Enttäuschungen und den abgebrochenen Wegen, die wir in unserem Leben erfahren, liegt die Grundlage für Erneuerung.

Diese Trümmer sind ein Teil von uns, sie prägen unsere Geschichte und Identität. Das Anerkennen und Bejahen dieser Bruchstücke ist essenziell. In der Zuwendung zu diesen Trümmern offenbart sich Gottes unermüdliche Treue. Er ist da, um uns inmitten unserer zerbrochenen Welt Trost und Kraft zu geben, und diese Zuwendung ermöglicht es uns, auch anderen in ihren Trümmern Trost und Stärke zu geben.

Gott kommt in die Trümmer – dafür steht auch die Trümmerkrippe, die dieses Jahr in Bethlehem aufgebaut wurde. So wurde in der Evangelisch-Lutherischen Weihnachtskirche, die über den Bethlehemer Marktgassen thront, eine andere Krippe aufgebaut als sonst. In diesem Jahr liegt das Jesukind hier nicht auf Stroh gebettet. Es liegt mitten in einem Trümmerfeld aus schweren Steinbrocken. „Das ist es, was Weihnachten für uns heute bedeutet“, sagt Munther Isaac, der Pastor diese Kirche.2

Als Drittes:

3. Gott kommt in unser Leben, aber anders

Der Prophet kündigt uns an: Gottes Erscheinen am Zionsberg steht bevor, der Herr kehrt nach Zion zurück. Es geht um die Deutung von Geschichte, wie sie sich im Prophetenbuch widerspiegelt. Es zeigt auf, wie das Volk Israel den Verlust seines Staatswesens und die Vertreibung aus dem Land interpretiert.

Gott kehrt über die Trümmer hinweg nach Jerusalem zurück. Der Tempel wird aus diesen Trümmern und darauf neu errichtet. Dann ist er wieder gegenwärtig bei seinem Volk. Aber er ist anders gegenwärtig, als wir uns Gott oft vorstellen. Wenn wir im Jesaja-Buch ein Kapitel weiterlesen, treffen wir auf diese Beschreibung, wie Gott in unsere Welt kommt, wie er wieder bei uns gegenwärtig ist (Jesaja 53):

2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

In dieser Darstellung kommt Gott auf eine andere Weise in die Welt, als wir ihn uns vorstellen. Er zeigt sich nicht in Macht und Stärke, sondern nimmt das Leiden der Welt auf sich. Gott leidet mit uns – das ist seine Art, in der Welt präsent zu sein.

Die Verse aus dem Jesaja-Buch beschreiben, wie Gott nicht als mächtiger Herrscher erscheint, sondern als jemand, der Demut und Leid kennt. Er ist wie ein kleiner Spross, der in trockenem Boden wächst, ohne äußere Zeichen von Pracht. Er wird als der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit beschrieben, jemand, der von anderen abgelehnt und ignoriert wird.

Dieser Gott nimmt die Leiden der Menschen auf sich. Er trägt ihre Krankheiten und Schmerzen, obwohl die Menschen ihn missverstehen. Er wird verwundet und geplagt wegen ihrer Fehler, doch durch sein Leiden finden sie Frieden und Heilung.

Dies ist auch die Geschichte Israels, die Interpretation der hebräischen Bibel, wie Gott zu seinem Volk Israel kommt.

In der christlichen Tradition beziehen wir diese Worte aus dem Jesaja-Buch auf Jesus: Gott kommt nicht mit Macht, sondern ohnmächtig als Säugling in die Welt und stirbt des Tod eines Verbrechers am Kreuz. Gottes Allmacht wird zu seiner Ohnmacht, beide sind untrennbar miteinander verbunden. So tritt Gott in unsere Welt.

So wird die Botschaft des Jesaja-Buchs eine Vorläufergeschichte für Weihnachten. Heil und Frieden kommen auf die auf Erde, dafür steht ein kleines, verletzliches Kind in einer Krippe. Trotz vieler Ereignisse, die scheinbar im Widerspruch zur Weihnachtsbotschaft stehen, suchen wir immer wieder deren Wirklichkeit: den Trost, den Frieden und das Heil, das mit dem Kommen Gottes in die Welt verbunden ist. Das Gute und Heilende, obwohl gefährdet und fragil, bleibt dennoch spürbar und fühlbar.

Die Weihnachtsbotschaft steht für die Hoffnung und das Versprechen, dass Gott seinen Heilswillen in der Welt verwirklichen wird. Christinnen und Christen leben in dieser an Hoffnung und vertrauen auf iese Verheißung.

So ist die Freudenbotschaft im Jesaja-Buch auch eine Vorläufergeschichte von Weihnachten. Weihnachten erzählt eine anrührende Geschichte – Heil und Frieden auf Erden, verbunden mit einem kleinen, verletzlichen Kind in der Krippe. Und obwohl viele Ereignisse seitdem der Weihnachtsverheißung zu widersprechen scheinen, erhoffen wir immer wieder ihre Erfüllung: den Trost, den Frieden, das Heilende, das mit Gottes Kommen in die Welt einhergeht. Es ist unsre Hoffnung, dass allem Kaputten und Zerstörtem wieder Neues und Heiles wird.

Und mehr noch: Gott wird seinen Heilswillen der Welt gegenüber durchsetzen. Das ist die Hoffnung und das Versprechen der Weihnachtsbotschaft. Christinnen und Christen leben mit dieser Hoffnung.

So wie ich die leidvolle Realität der Welt sehe, hoffe ich dennoch, dass endlich Frieden wird. Dafür steht Weihnachten. Es ist ähnlich wie bei den Cartoons, die ich eingangs erwähnte. Sie zeigen die triste Realität, aber durch sie schimmert noch eine andere Ebene durch. Weihnachten bedeutet, dass wir darauf hoffen, dass sich diese göttliche Realität der Freudenbotschaft gegen das Leid durchsetzt.

Das dürfen wir hoffen für unser persönliches Leben, aber auch für die Welt und die Länder, wo Krieg herscht, für die Ukraine – und ganz besonders auch für das Heilige Land.

Gott kommt in den Trümmern auf diese Welt.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!

Amen.


1 Struktur der Predigt und Gedanke, dass Gott in die Trümmer kommt von https://predigten.evangelisch.de/predigt/gott-kommt-nach-hause-predigt-zu-jesaja-52-7-10-von-isolde-karle
2 https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/bethlehem-weihnachten-gaza-krieg-geburtskirche-e029244/

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